Umnutzung

Ausstellung, Neue Galerie Innsbruck 10.11.2012 – 22.12.2012, kuratiert von Rainer Bellenbaum

Künstlerische Beiträge von:

Florian Bettel und Julia Rosenberger, zweintopf, Michael Hieslmair und Michael Zinganel, Rainer Bellenbaum

Umnutzungen sind in der modernen Gesellschaft alltäglich und selbstverständlich geworden. Kaum überlassen wir die von uns hergestellten oder gefundenen Gegenstände lediglich einer Funktion. Ob Künstler/innen alltägliche Gegenstände wie Stühle, Spielzeugtiere oder Aluminiumrohre zu Ausstellungsstücken umfunktionieren, ob wir Räume einer Hofburg für die Ausstellung installativer Kunst in Anspruch nehmen oder ob die Schulden, die ganze Völkergemeinschaften machen, zur Handelsware für Banken werden – in einem jeden solcher Fälle erfahren die involvierten Besitzer, Nutzer, Betrachter und Akteur/innen sowie die betreffenden Zu- und Gegenstände vielschichtige Transformationen. Räume verändern ihr Aussehen, Orte bilden ein anderes Milieu aus, Gegenstände steigen oder fallen im Wert. Dabei ist klar, dass kein Handelnder, keine Herstellerin und kein Arbeiter in der Rolle des Nutzers aufgeht, weder in Bezug auf das jeweilige Instrument noch hinsichtlich der intendierten Ziele oder Zwecke. Nutzend sind wir gleichzeitig Akteure, Zugehörige, Bestimmer, Disziplinierte, Spielerinnen. Nutzend geben wir uns darstellerisch zu erkennen.
Dabei zeigen die soeben angeführten Beispiele, dass die verschiedenen Weisen des Umnutzens keineswegs über einen Kamm zu scheren sind. Vielmehr sind es sehr unterschiedliche Modalitäten, nach denen wir die Dinge gegen den Strich verwenden. Der französische Kulturphilosoph Michel de Certeau unterschied in seiner Schrift »Die Kunst des Handelns« zwei verschiedene Modalitäten des Handelns: das strategische und das taktische Handeln. Als Strategien bezeichnet Certeau solche Berechnungen (oder Manipulationen) von Kräfteverhältnissen, die in dem Moment möglich werden, wenn ein mit dem Willen zur Macht ausgestattetes Subjekt erkennbar ist (z.B. ein Unternehmen, eine Armee oder eine Institution). Certeau zufolge gründet dieses strategisch vorgehende Subjekt vor allem auf eine topografische Position: auf einen Ort, einen Besitz oder ein Eigentum. Strategen seien darauf aus, solche Positionen abzugrenzen, zu verteidigen oder zu erobern. Oder anders gesagt: strategisches Handeln hält sich, laut Certeau, an eine räumliche Position, an den festen Standpunkt; von ihm aus gewinnt strategisches Handeln eine Vorausschau in die Zeit. Die moderne Orientierung an den Raum ist auch daran zu erkennen, dass wir bei unserer Vorstellung von Welt weniger einen Mythos oder ein Geschichtsbild vor Augen haben, sondern vielmehr eine Landkarte.
Als Taktik begreift Certeau hingegen ein Handeln aus Berechnung, das durch Fehlen eines Eigenen bestimmt ist. Taktiker spielen eher auf einem fremden Terrain. Weder ein definiertes Eigentum noch eine klare Abgrenzung vom Anderen liefert dem Taktiker die Bedingung. Der Taktiker hat keinen verlässlichen Rückzugsort, keinen Gesamtüberblick und keine belastbare Zeitprognose. Taktiker horten nicht. Das verschafft ihnen Beweglichkeit, Gelegenheiten zu finden und diese auf listige Weise zu nutzen – umzunutzen. Nicht unähnlich der Methode eines Witze-Erzählers, der die Doppeldeutigkeiten der Sprache für Überraschungen und Pointen nutzt.Die in der Ausstellung UMNUTZUNG ausgestellten drei Positionen künstlerischer Objekt-Installation lassen, so meine These, auf verschiedene Weise Züge des taktischen Handelns erkennen.Wenn Julia Rosenberger und Florian Bettel Wohnzimmerstühle in Bewegung versetzen, dann verwandelt sich dabei nicht einfach ein elementarer Haushaltsgegenstand in ein Schauobjekt. Ein solches sind die Stühle ja schon zuvor als Vorzeigemöbel in einer privaten Stube. Ebenso spannend ist die besondere Reflexion und Verschiebung der Besitzverhältnisse, die hierbei zutage treten. Denn die Stühle in „O-Dorf, O-Stuhl, O-Gold“ sind Leihgaben – nicht von den Künstler/innen selbst oder von einer Galerie, wie dies üblicherweise im institutionellen Kunstkontext der Fall ist – sondern von den Mietern eines Hochhauses im Innsbrucker Olympischen Dorf.
Ungefähr 15 Mieter haben ein Exemplar ihrer persönlichen Tischgruppe für die Zeit der Ausstellung hergegeben und dafür als vorübergehenden Ersatz einen Stuhl der Galerie erhalten. Die privaten Stühle der Mieter werden somit zu einem Kunstgegenstand – auf Zeit sowie darüber hinaus. Denn auch nach der Ausstellung bleibt den Eigentümern die Gewissheit oder zumindest die Erinnerung, dass ihr Stuhl, zurückgestellt ins eigene Wohnzimmer, zusätzliche Bedeutung erlangt hat: aufgeladen mit den Ereignissen dieser Ausstellung, mit den hier stattgefundenen Begegnungen, Sichtweisen und Kommentaren. Nicht zu unterschätzen ist das Wechselverhältnis der verschiedenen Erzählperspektiven: Die Wohnzimmerstühle, die im jeweiligen privaten Wohnraum selbst den Ort familiärer oder freundschaftlicher Erzählungen bilden – als Plattform der Zusammenkunft, als Ausdruck eines persönlichen Geschmacks – werden ihrerseits in der Ausstellung zum Gegenstand der Erzählung, zum Repräsentationsobjekt eines jeweiligen Haushaltes, eines Stils, einer kulturellen Zugehörigkeit. Zusammen erzählen sie von einer Welt, die viel abwechslungsreicher ist, als dass es der Begriff „Milieu“ gemeinhein wahrhaben will.Die für UMNUTZUNG extra produzierte Installation „O-Dorf, O-Stuhl, O-Gold“ ist als Fortsetzung der Installation „Das bewegte Wohnzimmer“ zu verstehen, die Rosenberger / Bettel im Kontext eines gemeinsam von Politikwissenschaftler/innen und Künstler/innen realisierten Forschungsprojekts zur „politischen Mobilisierung von Zugehörigkeit“ in Wiener Gemeindebauten realisiert haben. Dabei beziehen die Beteiligten sich u.a. auf den Begriff des „Third Space“ (also des Dritten Raums) – mithin auf einen Begriff, den der Sozialwissenschaftler Homi Bhabba prägte, um darzulegen, dass dort, wo verschiedene Kulturen aufeinandertreffen weniger so etwas vor sich geht wie eine Vermischung als vielmehr der Entstehungsprozess von etwas Neuem.
Das Künstlerduo „zweintopf“ – das sind Eva Pichler und Gerhard Pichler aus Graz – beziehen sich in ihrer Arbeit ebenfalls auf gewöhnliche Gebrauchsgegenstände. In dieser Ausstellung sind es z.B. Spielzeugtiere oder ein Frottiertuch. Durch die an diesen Dingen vorgenommenen Umformungen, Sezierungen oder Kontextualisierungen eröffnen sich Bedeutungszusammenhänge, die nicht nur Aneignungs- und Verfügungsverhältnisse reflektieren, wie sie der Mensch etwa gegenüber Jagd- oder Nutztieren an den Tag legt. Sinnfällig werden hier ebenfalls ethische Dimension, wie sie mit einem instrumentellen Handeln grundsätzlich verbunden sind: seien es Irritationen wie Mitleidsgefühle oder Gleichgültigkeiten oder seien es Einstellungsweisen wie der Hang zur Fetischisierung oder zur animistischen Aufladung.
Grundlegend für die künstlerische Praxis von „zweintopf“ ist die Methode des Findens oder, wie sie selbst sagen, die Bevorzugung des Findens gegenüber dem Erfinden. Gleichwohl werden die von den beiden Künstler/innen gefundenen Objekte stets umgearbeitet. Das unterscheidet sie vom Modus des Readymades. Unter Beibehaltung der jeweils angestammten Konnotationen und unterschwelligen Bedeutungen verwickeln „zweintopf“ ihre Fundstücke in neue teils komische, teils abgründige Erzählungen. Während diese Erzählungen im Rahmen von Ausstellungen immer wieder ironisch auf die gesellschaftlichen Kontrolltechniken und Instrumentalisierungsweisen abheben, liefern die von „zweintopf“ im öffentlichen Raum auf unaggressive Weise unternommenen Interventionen eine spannungsvolle Entgegnung. Als Beispiel sei ihre eigenmächtige Beschriftung eines Stromhäuschen am Grazer Lendplatz erwähnt: 2010 als temporäre Installation an einem städtischen Gebäude für Elektroschaltungen realisiert, findet die Arbeit in Graz bis heute ihren Respekt. Sorgfältig ausgemessene Klebebandstreifen bezeichnen das vom Passanten sonst kaum zu identifizierende Gebäude als „I am a Monument“. Dabei entwenden „zweintopf“ den fremd-anonymen Gegenstand nicht einfach zur Performance listig-künstlerischer Ironie. Gleichzeitig verweisen sie mit ihrer Intervention auf das virulente Spannungsfeld historischer Architekturdebatten, die darüber streiten, inwieweit Gebäude darzustellen haben, für wen oder was sie stehen.
Michael Hieslmair und Michael Zinganel aus Wien präsentieren für UMNUTZUNG eine Kartografie aus sich kreuzenden, parallel geführten und gebogenen Aluminiumrohren zusammen mit einer Kopfhörer-Diskothek, in der Audio-Erzählungen zu ausgewählten Anliegern einer Autobahnraststätte in Oberösterreich zu hören sind. „EXIT St. Pankraz“, so der Titel der Installation, hatten Hieslmair / Zinganel in einer ursprünglichen Form bereits 2007 als Beitrag für das Festivals der Regionen entwickelt. Dabei erforschten sie Mobilitätsströme und Mobilitätserfahrungen, wie sie sich an der Raststätte an der Autobahn A9 bzw. E 57 abzeichnen. In St. Pankraz war es eine ca. 40 m lange diagrammförmige Außeninstallation aus Holz, die den visuellen Fluchtpunkt für die per Audio präsentierten Migrationsgeschichten des internationalen Raststätten-Publikums bildete. In der Neuen Galerie ist es nun ein Wegenetz aus Aluminiumrohren. Hieslmair / Zinganel lehnen sich mit ihrer abstrakten Kartografie lose an jene grafische Form eines U-Bahn-Plans an, wie sie in den 1930er Jahren in London von dem Designer Harry Beck ursprünglich erfunden wurde. Überdies verweist Hieslmaiers und Zinganels Installation auf diverse Beziehungsspiele von Innen- und Außen-Verhältnissen: zum einen insofern die Rohre als Innen-Montage hier auf die Außen-Situation in St. Pankraz verweisen, zum anderen indem sie als Leitungen die Möglichkeit eines in ihnen vor sich gehenden Transportes aufrufen und drittens indem die Rohre, knapp über Wand und Boden installiert, sanitäre Leitungssysteme ähneln, wie sie in jedem modernen Wohn- oder Dienstgebäude –¬ wenn Sie so wollen, noch tiefer verinnerlicht – unter Putz vorstellbar sind. Ein solches Leitungsnetz lässt sich, wie gesagt, als Fluchtpunkt für die mit den Audio-Reportagen dargestellten Einwanderungs- und Außenseitererfahrungen verstehen. Gleichzeitig seien aber auch hier die Aspekte der zu beobachtenden Umnutzung nicht unterschlagen. Unübersehbar ergibt sich diese daraus, dass Hieslmair / Zinganel ihr Wegenetz in wechselnden Materialsorten (Holz, Kupfer oder Aluminium) auf die jeweiligen Ausstellungsräume übersetzen. Unterschwellig sichtbar wird dabei allerdings auch, dass die wiederholte Struktur dieser aus Rohren zusammengesetzten Kartografie inzwischen so etwas wie ein Eigenes dieser beiden Akteure darstellen. In diesem Sinne zeigt sich, dass taktisches und strategisches Handeln sich bisweilen berühren, z.B. im Fall künstlerischer Produktion.Rainer Bellenbaum

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